Mut zum Reden – Blog eines Gewaltbetroffenen

Wir bedanken uns für den Anruf eines Mannes, der sein Schweigen brechen möchte und seine Erfahrungen als ehemals von häuslicher Gewalt Betroffener öffentlich machen will. Seine Intention ist es, auch anderen Betroffenen Mut zu machen und einen Austausch anzuregen. Sein Blog ist hier zu finden.

Ein Aufzug aus seiner Begründung:

„… Als ich als Resultat von Gewalthandlungen vor ca. einem Jahr in die Psychiatrie kam, habe ich viel Fachliteratur gelesen und selbst ca. 500 Seiten geschrieben. Das Schreiben hat mir viel geholfen, besser zu verstehen und aufarbeiten zu können, was mir passiert ist. Ich hatte damals bereits den Gedanken, meine Aufzeichnungen zu veröffentlichen (natürlich im Blogformat, da ich nicht wirklich an das Verlagswesen glaube). Ein Blog erschien mir als sinnvoll, weil ich anonym sein konnte. Ich sprach mit Freunden darüber die mir aufzeigten wie schwierig es ist wirklich anonym zu sein gerade wenn man über persönliche Dinge schreiben möchte.

[…]

Da ich es auch als schwierig empfand die Anonymität gut hoch zu halten zog ich in Erwägung mit meinem Klarnamen darüber zu sprechen und damit sowohl mich als auch die Täter von unserer Anonymität zu befreien, die das Internet verspricht. Mehrere Bedenken kamen hoch:

  1. Wie würde mein Umfeld, insbesondere potentielle Arbeitgeber oder Menschen mit denen ich mich weniger gut verstehe, damit umgehen?
  2. Was würden die Täter denken, wenn sie hier im Prinzip exponiert werden und mir dafür sicherlich keinen Konsens geben?
  3. Wäre das nicht auch eine Form von Gewalt?

Zu 1: Ich möchte gerne mutig sein. Daher ist mir dieser Punkt einfach egal. Meine Gewalterfahrungen polarisieren in meinem Umfeld, so dass ich bereits jetzt sowohl Unterstützer als auch „Gegner“ finde. Das wird sich durch einen Blog nicht ändern. Wenn ein Arbeitgeber mit diesen Themen nicht klar kommt, bin ich doch froh, wenn dieser Filter vorher schon geklappt hat und ich das nicht erst vor Ort heraus finde.

Zu 2: Ich konnte nur zum Gewaltopfer werden, weil ich mich letztlich verantwortlich für die negativen Emotionen meiner Täter gefühlt habe und die Gewalt somit immer wieder zugelassen habe. Diese Schuldgefühle sind eines der größten dysfunktionalen Pattern, die ich bislang aufdecken konnte und das Ablegen dieser Pattern trägt massiv zu meinem Gesundungs- und Verarbeitungsprozess bei. Vermutlich werden meine Täter nicht fröhlich sein, wenn ich hier diese Taten zur Sprache bringe. Aber damit müssen sie selbst klar kommen. Ich bin nicht für ihre Emotionen verantwortlich und vor allem muss und möchte ich sie nicht weiter schützen. Meine Täter waren und sind Erwachsen und hatten zu jedem Zeitpunkt die Chance, die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und sich anders zu entscheiden. Dementsprechend können die Täter mir hier zunächst ein mal egal sein.

Zu 3: Ja das ist eine Form von Gewalt und damit tue ich mich auch sehr schwer. Ich glaube nicht an „Auge und Auge“ oder „Zahn um Zahn„. Ich finde auch den Spruch: „So wie es in den Wald hinein schallt, so schallt es auch hinaus.“ schwierig. Letztlich zeigt dieses Dilemma in was für eine komplexe Situation das Opfer von Gewalt gebracht wird. Die mir einzig logisch wirkenden Methoden Gewalt zu unterbinden sind zum einen darüber zu sprechen und zum anderen sich von den Tätern abzugrenzen. Darüber sprechen scheint aber direkt eine Form von Gegengewalt zu sein, die ich eigentlich nicht ein mal ausüben möchte. Dennoch bin ich es mir wert mich und andere Opfer zu schützen. In Gewalterfahrungen fühlt man sich vermutlich immer hilflos. Genauso wie ich mich beim Nachdenken über Frage 3 fühle. Hilflos es jetzt nicht richtig machen zu können. Entsprechend habe ich mich entschieden, wenigstens auf mich selbst zu hören und das Schweigen zu brechen. …“

Wir bedanken uns für diesen mutigen Schritt und teilen seinen Wunsch an andere Betroffene, mit ihm in Austausch zu treten – gern auch anonym und per Kommentar auf seinem Blog. Herzlichen Dank!
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